Im alten Blog habe ich mich vor dem Neustart schon häufiger mit dem Thema beschäftigt warum man Jabber, bzw. XMPP den proprietären Instant-Messaging-Diensten wie ICQ oder MSN (Windows Live Messenger) vorziehen sollte. Auch heute soll es wieder einmal um dieses Thema gehen.
Egal auf welche Seite man geht, die sich mit diesem Thema beschäftigt. Als erster Grund werden immer wieder die Nutzungsbedingungen genannt, weshalb man den geschlossenen Systemen nicht vertrauen sollte. Schließlich tritt man durch die Nutzung der Dienste automatisch alle Rechte an den verschickten Inhalten an den jeweiligen Anbieter ab. Theoretisch dürfte er damit machen was er möchte. Weiter verbreiten, verkaufen, was auch immer. Sicherlich ist das ein wichtiger Grund, den man nicht aus den Augen verlieren sollte. Aber ist das ein Hauptargument um den durchschnittlichen Internet-Nutzer Jabber/XMPP näher zu bringen? Ich glaube nicht.
Also wollen wir das ganze einmal von einem anderen Standpunkt angehen:
ICQ und MSN unterstützen (offiziell) nur die eigenen Clients
Die Anbieter haben es gern, wenn man ihre nativen Clients verwendet zum Chatten. Warum auch nicht? Schließlich verdienen sie damit ihr Geld. Schließlich wird ja ausreichend Werbung eingeblendet. Dass den Nutzer die Werbung unter Umständen stören oder gar nerven könnte scheint die Programmierer jedoch nicht wirklich zu interessieren.
Außerdem packen sie die Clients mit möglichst vielen (oft auch unnützen) Features und Funktionen voll, dass die Benutzung schnell keinen Spaß mehr macht, weil diese eierlegenden Wollmilchsäue das System ausbremsen.
Möchte man das nicht steht man schnell mal im dunklen. Bevorzugt ICQ und MSN ändern gerne mal von heute auf morgen etwas an ihren Protokollen. Dies sperrt schnell ungeliebte fremde Clients wie Pidgin aus, sodass man plötzlich nicht mehr zum Dienst verbinden kann.
Microsoft geht sogar so weit und verbietet explizit im Lizenzvertrag die Benutzung von Fremdclients. Damit sind sie in guter Gesellschaft. Denn auch ICQ legt in den Nutzungsbedinungen haargenau fest, welche Clients verwendet werden dürfen. Kurz gesagt: Nur die eigenen.
Bei Jabber/XMPP gibt es solche Restriktionen nicht. Ob man Pidgin, Gajim oder irgend einen anderen Client nutzen möchte bleibt hier jeden auch offiziell selbst überlassen.
Die Registrierung
Registriert man sich bei ICQ oder MSN kommt es einen schnell so vor, als müsste man sich – überspitzt ausgedrückt – erst einmal ausziehen, bevor man den Dienst Nutzen darf. Name, Geschlecht und Alter sind zwar keine Pflichtfelder bei der Registrierung für ICQ, die eMail-Adresse muss jedoch in jedem Fall angegeben werden. Hier geht Redmond noch einen Schritt weiter. Der vollständige Name sowie das Land in dem man lebt oder auch das Geburtsjahr oder sogar die Postleitzahl sind bei der Registrierung Pflichtfelder.
Eine JID (Jabber-ID) kann man sich ohne die Angabe irgendwelcher persönlichen Daten zulegen. Man wählt einfach eine JID in der Form benutzer@server (ähnlich einer eMail-Adresse), wählt ein Passwort aus und schon wird der Account auf dem jeweiligen Server angelegt. Ohne eMail-Adresse oder andere persönliche Daten.
Die Server
ICQ, MSN, AIM und Yahoo Messenger nutzen allesamt ein zentralisiertes System. ICQ-Nutzer müssen sich beispielsweise immer zu login.icq.com verbinden. Ist dieser Server down ist es für alle Nutzer dunkel. Kein Chatten in ICQ mehr möglich – für keinen Nutzer.
XMPP nutzt ein dezentrales System. Fällt hier ein Server aus, sind lediglich die Nutzer dieses Servers betroffen. Dauert ein Ausfall einmal länger kann man sich unkompliziert bei einem anderen Server einen neuen Account zulegen. Schließlich möchte ja niemand die persönlichen Daten des Nutzers haben.
Transports
Entscheidet man sich für Jabber, die Kontakte möchten jedoch nicht mit “umziehen” so hat man bei Jabber die Möglichkeit durch Transports weiter mit den ICQ-Kontakten zu reden. Einen solchen Dienst bieten weder ICQ noch MSN.
Simultane Logins
Jabber ist vielseitig einsetzbar. Über die Prioritäten-Einstellungen kann man an mehreren Geräten gleichzeitig verbunden sein. Sei es am PC zuhause, am Arbeitsplatz und am Handy. Über die Prioritäten lässt sich das einfach steuern. Meldet man sich bei ICQ und MSN an einem anderen Gerät an so wird grundsätzlich die Verbindung beim anderen Gerät getrennt.
Einsatz im Unternehmen
Aufgrund der Nutzungsbedingungen – man tritt ja bekanntlich sämtliche Rechte an den gesendeten Inhalten an den Anbieter ab (unter Umständen auch Firmengeheimnisse) – eignen sich ICQ und MSN definitiv nicht für den Einsatz in den Unternehmen.
Jabber ist durchaus für die unternehmensinterne Kommunikation geeignet. Jedes Unternehmen kann beispielsweise im internen Netzwerk einfach einen eigenen Jabber-Server installieren. Somit bleiben geheime Informationen auch dort wo sie bleiben sollten – im Unternehmen.
Quellcode
XMPP ist quelloffen und kann (die nötigen Kenntnisse vorausgesetzt) von jedermann angepasst werden. ICQ und MSN arbeiten nach dem Closed-Source-Prinzip. Würde ICQ plötzlich den Quelltext so ändern wollen, dass alle verschickten Inhalte in einer Datenbank gespeichert und (in welcher Form auch immer) ausgewertet werden sollen bekommt das erstmal wohl niemand mit. Bei Open-Source-Software würde ein solches Vorgehen vermutlich schnell auffallen, was die Sicherheit für die Benutzer erhöht.
Sicherheit
Wo wir grad beim Thema sind: Bei XMPP gibt es auch die Möglichkeit sich zu einem verschlüsselten Server (SSL) zu verbinden. Diese Funktion bieten weder ICQ, noch MSN an.
Außerdem können Nachrichten, die via Jabber verschickt werden, mittels PGP oder OTR verschlüsselt werden. OTR ist zwar auch mit ICQ möglich, PGP jedoch nicht.
Chaträume
Jabber bietet jedem Nutzer die Möglichkeit einen eigenen Chatraum, einen so genannten MUC (Multi-User Chat), zu erstellen. Einen ähnlichen Dienst bietet in dieser Form weder ICQ, noch MSN.
Erweiterbarkeit
Okay, dieser Punkt wird wohl die wenigsten Benutzer interessieren, aber dennoch möchte ich ihn hier erwähnen. Besitzt man die nötigen Kenntnisse kann das Protokoll beliebig erweitert werden. Hier sind wir wieder bei dem Open-Source-Vorteil. Bei ICQ und MSN ist dies nicht möglich. Dort ist man auf das Wohlwollen und den Einfallsreichtum der jeweiligen Programmierer angewiesen.
Ich denke das sind einige Vorteile, die Jabber/XMPP gegenüber der proprietären Konkurrenz bietet. Natürlich ist es jedem selbst überlassen welchen Dienst man nutzt. Ich finde es aber sinnvoll auch für andere Dinge offen zu sein.
Was viele Nutzer in der Regel nicht wissen: Wer einen eMail-Account bei GMX, web.de oder Google besitzt hat automatisch auch einen Jabber-Account. Hier entspricht die Jabber-ID der eMail-Adresse beim jeweiligen Anbieter. Alle bieten auch eigene Clients (zum Beispiel Google Talk) an, man kann aber auch hier jeden beliebigen Messenger nutzen, der das XMPP-Protokoll unterstützt.
Weitere Infos zu Jabber gibt es beispielsweise bei Deshalbfrei.org und einfachjabber.de.

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09/08/2010 @ 23:24
Vielleicht magst du ja auch http://einfachjabber.de/ verlinken? (Ich habe jetzt nicht alle Links einzeln durchgesehen, falls einer dabei sein sollte – bitte um Verzeihung)
09/08/2010 @ 23:28
Den Artikel hab ich am 08.03.2009 geschrieben. Da gab es einfachjabber noch nicht. Ein Link dorthin ist aber in der Sidebar.
09/08/2010 @ 23:34
Ok, ich habe nur den Artikel gelesen und nicht die Sidebar – entschuldige :-)
09/08/2010 @ 23:37
Macht ja nix ;) Habe den Link aber noch ans Ende gesetzt. Wenn ich mal viel Lust habe sollte ich den Artikel mal überarbeiten. Der Verkauf von ICQ ist ja ein weiterer Grund warum man die Finger davon lassen sollte…